Programme
Die Winterreise
Im vergangenen Jahr entschloss sich Jochen Kowalski Franz Schuberts Liederzyklus »Die Winterreise« in sein Repertoire aufzunehmen. Wenngleich ihm diese 24 unvergleichlichen Lieder in seinem bisherigen Künstlerleben immer wieder begegnet waren, hatte er lange voller Demut gezögert, sie zu ergründen, sie zu studieren und sich diesem Göttergeschenk zu nähern.
Franz Schubert (1797—1828) komponierte die ersten 12 Gedichte des 1821/22 entstandenen Zyklus Winterreise von Wilhelm Müller (1794—1827) im Februar 1827 und vollendete ihn nach Erscheinen der restlichen Gedichte im Oktober, ein Jahr vor seinem Tod. Eines Tages lud Schubert seine Freunde ein, um ihnen "einen Zyklus schauerlicher Lieder" vorzusingen. "Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses bei anderen Liedern der Fall war."
Der Hörer begleitet den Wanderer, der Liebe und Geborgenheit hinter sich läßt, um ohne Ziel und Hoffnung in die Winternacht hinaus zu ziehen: "Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh' ich wieder aus…."
Er folgt ihm über 24 Stationen seines Weges, wechselnden Stimmungen und Widersprüchen, Freud und Leid ausgesetzt, um schließlich auf den Leiermann zu treffen, der seine Leier dreht, aber von niemanden gehört wird: "Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh'n?" Ist es der Tod, der wartet, ist es die Hoffnungslosigkeit des Dichters, daß die Zeit der Restauration, welche die Metapher "Winter" ausdrückt, je endet? Sind es Schuberts Gedanken über ein nahes Endes seines Schaffens? Die Antwort bleibt offen.
Schuberts Zyklus wurde erst im Jahre 1860 von dem berühmten Bariton Julius Stockhausen (1826—1906) als Ganzes gesungen. Seitdem gehört dieses außerordentliche Werk in das Repertoire aller bedeutenden Liedsänger unserer Zeit.

