Biographie

Kammersänger Jochen Kowalski

Jochen Kowalski ist ein deutscher Opern- und Konzertsänger in der Stimmgattung männlicher Alt, Altus bzw. Countertenor.
Er wurde am 30.01.1954 in dem märkischen Dorf Wachow (Kreis Nauen) in der DDR geboren.
Seine Eltern betrieben dort eine private Fleischerei. Er und seine zwei älteren Brüder besuchten die Polytechnische Oberschule des Ortes. Ab der 9. Klasse ging Jochen Kowalski dann auf die Erweiterte Goethe-Oberschule der Kreisstadt Nauen und legte dort 1972 sein Abitur ab.
Der ausgezeichnete Musikunterricht an der Goethe-EOS (Erweiterte Oberschule, heute Gymnasium) und die zahlreichen Auftritte mit dem hervorragenden Schulchor auf Betriebsfeiern, Jugendweihen und Festveranstaltungen in Stadt und Land ließen in ihm den Wunsch reifen, unbedingt einen musikalischen Beruf zu ergreifen.

Nach dem Abitur bewarb sich Kowalski als Requisiteur an der Deutschen Staatsoper Berlin. Seinen Studienplatz für Binnenhandel in Leipzig sagte er kurzerhand ab.
Fünf spannende Jahre arbeitete er als Requisiteur und noch heute bezeichnet er diese Zeit als seine "wichtigste Lehrzeit in Sachen Oper". Mehrmals sang Kowalski an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin für einen Studienplatz im Fach Tenor erfolglos vor. Er ließ sich aber von den Absagen der Musikhochschule nicht entmutigen.
Einige der damals namhaftesten Solisten der Staatsoper bestärkten ihn, an seinem Ziel Opernsänger zu werden festzuhalten. Man riet ihm Gesangsunterricht zu nehmen.
An der Volksmusikschule Berlin/Prenzlauer Berg bekam er dann seinen ersten professionellen Unterricht bei Frau Fritsche - sie war es auch, die ihn für ein erneutes Vorsingen an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" im Stimmfach Tenor mit einer Mozart-Partie vorbereitete.
Von 1977-1983 studierte er dann bei dem Bassisten der Deutschen Staatsoper, Herrn Kammersänger Heinz Reeh.
Noch als Student debütierte er 1981 an der Komischen Oper Berlin als einer der Lehrbuben in der Neuinszenierung von Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" (Regie von Harry Kupfer und musikalische Leitung GMD Rolf Reuter).
In diese Zeit fällt auch seine allererste Berührung mit dem männlichen Altfach (siehe "Der Countertenor Jochen Kowalski - Gespräche mit Susanne Stähr". Bärenreiter/Henschel 2013).
Die Gesangspädagogin der Komischen Oper, Frau Marianne Fischer-Kupfer, nahm ihn von da an unter ihre strengen Fittiche.
Schon 1982 erfolgte sein aufsehenerregendes Debüt als erster Altist der DDR überhaupt bei den Händelfestspielen in Halle als Muzio im 3. Akt von Händels Oper "Muzio Scevola".
Nach diesem Konzert wurde er - per Handschlag - vom anwesenden Intendanten der Komischen Oper Prof. Dr. Werner Rackwitz, quasi vom Fleck weg an die Komische Oper Berlin engagiert.
1983 legte er in dem Händel-Oratorium "Theodora" in Halle sein Staatsexamen im Fach Altus ab.
Noch im gleichen Jahr debütierte Kowalski als Zarensohn Feodor in Mussorgskys "Boris Godunow" als Solist an der Komischen Oper.
Prof. Harry Kupfer, Prof. Dr. Werner Rackwitz, Prof. Rolf Reuter, Prof. Hartmut Haenchen und ab 1985 Prof. Rolf Liebermann wurden seine wichtigsten Förderer in diesem ersten Abschnitt seiner Laufbahn.

Ein Stück große Berliner Theatergeschichte schrieb Kowalski dann 1984 mit der Verkörperung des jungen ungestümen Helden Giustino in Händels gleichnamiger Oper. Über Nacht war ein "neuer Stern am Opernhimmel aufgegangen" schrieb die Kritik in Ost und West in seltener Übereinstimmung.
Viele Inszenierungen unter der Regie von Harry Kupfer sollten folgen.
Bereits 1985 absolvierte er sein erstes Gastspiel außerhalb der DDR. Die Hamburgische Staatsoper lud ihn ein, den Daniel in Händels "Belsazar" zu singen. Von nun an waren Berlin und Hamburg seine beiden Wirkungsstätten. Es folgten 1986 die Volksoper Wien, kurz darauf dann die Wiener Staatsoper sowie die Opernhäuser von Frankfurt/Main, Düsseldorf und die Opéra National de Paris.

Kowalskis zweiter Sensationserfolg an der Komischen Oper wurde ab 1987 die Kupfer/Haenchen-Produktion von Glucks "Orpheus und Eurydike". Er sang seinen Orpheus aber nicht nur in Berlin, man feierte ihn u.a. auch in New York, Wien, Jerusalem und London. Eine Einmaligkeit in der Rezeptionsgeschichte dieser Oper: Kowalski sang den Orpheus in dieser Produktion über 115 Mal weltweit.

Ab 1988 gab er erste Solokonzerte und Liederabende.
Die Solokantaten von Bach, Vivaldi, Pergolesi und Händel standen zuerst in seinem Fokus. Doch nach und nach erarbeitete er sich die großen Liederzyklen von Beethoven, Schubert, Schumann bis hin zu Wagners Wesendonk-Liedern.
Das war echte Pionierarbeit und nicht unumstritten. So wurde Kowalski von einem Teil der Presse und des Publikums gepriesen und vom anderen Teil harsch kritisiert. Schubladendenken war schon damals seine Sache nicht!
Seine ständige Neugier und die Suche nach fordernden und Grenzen sprengenden Aufgaben bestimmen seitdem sein Künstlerdasein.
Man lud ihn auf die wichtigsten Musik-Festivals ein und diverse preisgekrönte CD-Einspielungen folgten.
Nach der sogenannten Wende blieb Kowalski - trotz sehr verlockender Angebote - der Komischen Oper treu. Er sagt selbst, dass er "es niemals - trotz vieler Enttäuschungen - bereut" hat.
Wichtige Stationen seiner Laufbahn waren und sind: Salzburger Festspiele (Ottone unter Jürgen Flimm/Harnoncourt, Nirena in "Cesare" unter G. Antonini), Royal Opera House Covent Garden London (Orlofsky, Orfeo, Farnace), Wiener Staatsoper (Orlofsky mit diversen Japan-Gastspielen), Wiener Volksoper (Giustino, Oberon, Orlofsky), Staatsoper Hamburg (Orlofsky, Daniel, Annio, Kreon in der Uraufführung von Liebermanns Oper "Freispruch für Medea"),mehrere Spielzeiten Metropolitan Opera New York (Orlofsky, Oberon, Konzerte), Komische Oper Berlin (Feodor, Giustino, Orpheus, Cäsar, David in Händels "Saul", Orpheus in der Unterwelt, Teiresias, Andronico, Orlofsky, Amyntas, Astrologe in "Der goldene Hahn" sowie unzählige Konzerte),Theater an der Wien (Fürst Holszansky in der Uraufführung von J. Kalitzkes Oper "Die Besessenen", Toter Geist von Hamlets Vater in der Uraufführung von Anno Schreiers Oper "Hamlet").

Kammersänger J.Kowalski hat mit vielen bedeutenden Regisseuren und Dirigenten zusammengearbeitet. Dazu zählen die Regisseure:
Prof .Harry Kupfer, Prof.Jürgen Flimm, Christof Loy, Antony Pilavachi, Ruth Berghaus, Thomas Langhoff, Nicholas Hytner, Hansgünter Heyme, Kaspar Holten, Jorge Lavelli, Fred Berndt, Vegard Vinge, Axel Ranisch, Johann Kresnik, Graham Vick und Eva -Maria Höckmayr.
Und die Dirigenten:
Prof.Rolf Reuter, Zubin Mehta, Nicolaus Harnoncourt, Kyril Petrenko, Heinz
Fricke, Jakov Kreizberg, Michail Jurovsky, Vladimir Jurovsky, Dmitry
Jurovsky, Genady Roshdeswenstky, Kurt Masur, Leopold Hager, Cornelius
Meister, Ton Koopmann, H.-J.Rotzsch, G.Ch.Biller,
Gerd Albrecht, Prof.Hartmut Haenchen, Jean-Claude Malgoire, Giovanni Antonini, Johannes Kalitzke, Michael Hofstetter, Jörg-Peter Weigle, Sebastian Weigle, Hans Zender, Fabio Luisi, Gary Bertini, Carlos Kalmar, Paul Daniel, Ernst Märzendorfer, Vaclav Neumann (Konzert),Christian Thielemann (Konzert),Kent Nagano (Konzert), Sir Neville Marriner (CD und Konzert), Marc Niemann, Yukata Sado, Diego Fasolis, Stefan Solyom, Markus Hinterhäuser (Pianist Liederabend,CD), Shelley Katz (Pianist Konzert,CD),Dietrich Sprenger (Pianist),.Karl Fritz Voigtmann (musikalische Einstudierung).

Ab 2003 arbeitete Jochen Kowalski gesangstechnisch ausschließlich mit Kammersängerin Jutta Vulpius zusammen.
Nach einer ganzen Reihe gesundheitlicher und beruflicher Tiefschläge erwies sich diese schicksalhafte Begegnung als großer Gewinn und neuer Anfang für ihn.
Ganz andere Betätigungsfelder taten sich ab jetzt für ihn auf. Er sprengte die Fesseln des männlichen Altfachs!
Seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Berliner "The Capital Dance Orchestra" ist mit der CD eines Live-Konzertes aus der Berliner Philharmonie hervorragend dokumentiert.
Ein exquisites "Jazz meets Classic"-Programm mit dem Wolfgang Köhler Jazz Quintett folgte. Einige Jahre konzertierten Kowalski, der Schauspieler Dieter Mann und der Pianist Dietrich Sprenger mit Puschkins Novelle "Pique Dame" erfolgreich durch die Republik. Mit dem Vogler Quartett musizierte er einen stimmungsvollen "Petersburger Salon".
Besonders in den letzten Jahren hat sich Kowalski einige ungewöhnliche Konzertprogramme erarbeitet (z.B. Max Kowalskis Liederzyklus "Pierrot lunaire").
Seine enge freundschaftliche Zusammenarbeit mit Musikern der Staatskapelle Berlin und dem Pianisten, Komponisten und Arrangeur Uwe Hilprecht ist dabei ein echter Glücksfall.
In den unterschiedlichsten Kammermusikformationen stellt er sein breites künstlerisches Spektrum - ausgehend von der Barockmusik über ein Romantikprogramm ("Der Fluch der Kröte") bis zu "Songs Of My Life" - unter Beweis. Für den Sommer 2018 ist ein neues Liederabendprogramm mit u.a. Max von Schillings Melodram "Das Hexenlied" in Vorbereitung.
Kowalski hat inzwischen auch seinen ersten Ausflug auf die Schauspielbühne unter der Regie von Johann Kresnik bestanden. Sein Max Wallstein in "Villa Verdi" an der Berliner Volksbühne war für den Sänger eine ganz neue Erfahrung.
Zeitgenössischer Musik steht er sehr aufgeschlossen gegenüber. So bezeichnet er Olga Neuwirths "Hommage à Klaus Nomi" als eines seiner Lieblingsstücke.
In der Uraufführung der Oper "George" von Elena Katz-Chernin in Hannover-Herrenhausen sang er den exaltierten King George in der Regie des jungen hochbegabten Regisseurs Axel Ranisch.
Gefeiert wurde er 2016 im Theater an der Wien in der Uraufführung von Anno Schreiers Oper "Hamlet". Für die Gestaltung der Partie des toten Hamlet wurde Jochen Kowalski für Österreichischen Musiktheaterpreis 2018 nominiert. Zum ersten Mal war er in einer reinen Sprechrolle auf der Opernbühne zu erleben. Der feinfühlige Regisseur Christof Loy hat diese heikle und komplizierte Rolle mit ihm erarbeitet und zum Erfolg geführt.
Im Sommer 2017 war er Tucholskys Alter Ego in der Uraufführung von James Reynolds Oper "Tucholskys Spiegel".
Bei der festlichen Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper im Dezember 2017 war er dabei - ein Höhepunkt seiner langen Laufbahn.
An diesem Hause begann er 1972 als Requisiteur, sang in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Orlofsky und einen spektakulären Tancredi in Rossinis gleichnamiger Oper und kehrte nun als tragisch-komische
Nutrice in Monteverdis "L'incoronazione di Poppea" dorthin zurück. Ein Kreis hat sich geschlossen.
Viele TV-, DVD-, und CD-Produktionen sowie diverse Rundfunkaufnahmen haben sein über 30-jähriges Schaffen umfassend dokumentiert.